Mit „Romy und Julia“ brachte der Kurs „Literatur und Theater“ (Jgst. 11) am 4. Juli in der Bergdorfhalle eine eigene Bearbeitung des Jahrtausende alten Stoffes über zwei Liebende aus verfeindeten Familien auf die Bühne.
Nachdem Romy Montague (Leni Krüger) von ihrer Angebeteten Rose (Wenting Liu) eine homophobe und klassistische Abfuhr erteilt bekommen hat, versuchen ihre Freunde Benni (Leonie Buchter) und Mercutio (Wenting Liu) sie aufzumuntern. Sich auf den Ball der verfeindeten Familie Capulet zu schleichen, klingt nach einer willkommenen Ablenkung – gerade weil Montagues dort explizit nicht willkommen sind. Dieser Ball verfolgt jedoch einen bestimmten Plan: Vater und Mutter Capulet (Pia Wolf und Leonie Buchter) sorgen sich nicht um ihr Kind, sondern nur um das Familienvermögen, und wollen ihre einzige Tochter Julia (Maja Vrkić) mit dem reichen, aber chauvinistischen Paris (als Gast: Ben Richardon aus der 8b) verkuppeln. Mit aufgezwungenem Kleidchen und nach aufgezwungenem Tanz zieht sich Julia mit ihrem Handy in eine Ecke des Ballsaals zurück, scrollt durch Instagram – und verliebt sich in Romy, die den Frust über den Korb ebenfalls in den sozialen Medien (und etwas Alkohol) zu ertränken versucht.
Zum Glück kennt Romy den Geistlichen Bruder Lorenzo (Pia Wolf), der schnell bereit ist, die frisch Verliebten zu verheiraten. Neben Romeos Freunden ist nur Julias Amme (Emma Moser) eingeweiht. Auch ihre Existenz hängt zwar von den patriarchalen Machtstrukturen der Capulets ab, aber sie ist das einzige Mitglied des Capulet-Clans, das sich tatsächlich für Julias Wohlergehen interessiert. Leider stoppt selbst die Hochzeit die Fehde zwischen den wohlstandsverwahrlosten Capulets und neureichen Montagues nicht: Julias Cousin Tobi (Tia Pichler) verliert den Kampf mit seinen inneren Dämonen und lässt die Gewaltspirale eskalieren. Am Ende sind er und Romys Freund Mercutio tot. Trotz Verheiratung scheint die Situation für Julia und Romy aussichtslos. Julias Eltern drängen weiterhin auf eine Ehe mit Paris, und Julia sieht nur einen Ausweg: Sie wird ihren Tod vortäuschen.
Shakespeare wäre zufrieden gewesen: Auch in der zugehörigen Klausur („Literatur und Theater“ ist ein Unterrichtsfach in der Oberstufe) haben die Schülerinnen gezeigt, dass sie die Maximen des Großmeister der Unterhaltung William Shakespeare verstanden haben: verbotene Liebe, große Bälle, schöne Kostüme, Intrigen, Kampfszenen, Blut und Mord – dem Publikum soll etwas geboten werden. Und das Geschlecht der Schauspieler spielt bei der Besetzung keine Rolle. Auch die Vermischung von bekanntem Stoff und eigenem Zeitgeist kennt bereits Shakespeare: Klar sind Romy und Julia queer und klar lernen sie sich zeitgemäß über Instagram kennen.
Gleichzeitig haben es die Schülerinnen geschafft, ganz eigene, leise, nachdenkliche Töne in ihr Stück einzubauen und diese überaus überzeugend zu spielen. U. a. mit Subtexten und inneren Monologen haben sie sich auf ihre Rollen vorbereitet.
Aber nicht nur das Schauspiel, auch sämtliche Entscheidungen zu Regie und Ausstattung oblagen den Schülerinnen selbst, für die die Aufführung am 4. Juli zugleich eine praktische Prüfung war. Ein aufwendig geschnittenes Video zeigt im Hintergrund des Balls den Chatverlauf zwischen Romy und Julia, Statisten der Theater-AG füllen den Bühnenraum als Ballgäste, die Montague-Gang chillt auf Klappliegen im Park. Insgesamt beweist die Gruppe große Kreativität und Erfindungsreichtum beim Bühnenbild, zum Beispiel wenn der Sportmattenwagen der Bergdorfhalle binnen Sekunden zu Julias Bett wird.
Auch die Kostüme senden ihre eigenen Zeichen und präsentieren sich durchgehend durchdacht: Rose nimmt man die Trophy Wife im pinken Kleidchen mit tiefem Ausschnitt sofort ab. Mutter Capulet tritt im feschen Hosenanzug umso resoluter auf, wenn sie für ihre 17-jährige Tochter nicht nur das Kleid, sondern auch den Mann aussucht. Und Julia wird vom Püppchen wider Willen im Kleid zur selbstbewussten jungen Frau in Jeans und Motto-Shirt: „Not a doll“, sagt der Aufdruck.
Den emotionalsten Momenten ist eine minutiös getimte musikalische Begleitung unterlegt; mehrere professionell gespielte Kuss-Szenen beweisen, dass die Darstellerinnen für ihr Herzensprojekt all in gegangen sind.
Doch im Gegensatz zu Shakespeare sind die Liebenden am Ende nicht tot. Lange hat der Kurs mit sich gerungen, wie das Ende der Geschichte in einem halb-fiktiven 2026 aussehen könnte. Schließlich waren sich die Schülerinnen einig: Julia und Romy müssen nicht sterben, damit ihre Botschaft vom Recht auf Selbstbestimmung ankommt. Kitschig wird es trotzdem nicht: Julia erwacht zwar aus ihrer Todesstarre, wird aber dennoch aus dem Haus gejagt. Wer sich dem Willen der Eltern nicht fügt, ist gestorben – egal, ob er eigentlich noch lebt. Auch Romys Vater (Tia Pichler) will das queere Paar nicht bei sich aufnehmen, sondern organisiert eine kleine Wohnung irgendwo abseits.
Dem Publikum aber bleibt die Gewissheit, dass die beiden ihren Weg gehen werden.
(Christina Zejewski)